SERIE AUS BILKER STERNWARTE

100 Jahre Christoph-Steinmeyer-Schulgarten

Förderverein historischer Schulgarten Räuscherweg Natur- und Begegnungszentrum e.V. - Bild-Steinmeyer-mit-Schülern-1

Während des vergangenen Jahres wurde unsere Feierlichkeiten zum 100jährigen Bestehen des Zentralschulgartens Räuscherweg von Berichten über den Anfang und die Weiterentwicklung dieses Schulgartens begleitet.

Der Autor Herr Jürgen Fuhrmeister veröffentlichte seine Berichte in der Bilker Sternwarte.

Mit Zustimmung unseres langjährigen Vereinsmitgliedes Herrn Fuhrmeister und der Bilker Heimatfreunde e. V. dürfen wir diese Berichte veröffentlichen.

Freuen Sie sich auf interessante Einblicke in die Geschichte des Zentralschulgartens – 100 Jahre Christoph-Steinmeyer-Schulgarten.

Förderverein historischer Schulgarten Räuscherweg Natur- und Begegnungszentrum e.V. - 1img089

Folge 1 – Der Anfang

Im Jahr 2013 wurde die Schulgartenanlage am Räuscherweg 100 Jahre alt. Die Stadt Düsseldorf und der Zentralschulgarten haben dieses Jubiläum angemessen gefeiert. Es war etwa ein Jahr vor dem großen Krieg, den wir heute den ersten Weltkrieg nennen, als Christoph Steinmeyer, der Rektor der Evangelischen Volksschule an der Aachener Straße, mit seinen Schülerinnen und Schülern auf 150 qm einer Müllkippe oder eines Schuttabladeplatzes (Die Chronisten sind sich darin nicht einig.) zwischen dem Südfriedhof und der Volmerswerther Straße den ersten Spatenstich getan hat. Das Gelände wurde ihm von der Stadt überlassen. An welchem Tag im Jahre 1913, ist nicht bekannt.

Christoph Steinmeyer sah in allen Kindern, auch in denen der Großstadt, den Drang zur Natur, wie es einem der Autoren (L.) des fast 4 kg schweren Sammelbandes „Düsseldorf“ von Hans Arthur Lux (Herausgeber) aus dem Jahre 1921/22 in der blumigen Sprache der Zeit aus der Feder floss: „Er muss nur gepflegt und erhalten werden. Und diese Pflege ließ sich Steinmeyer angelegen sein. Die Kinder sollen in die Natur hineinwachsen, sollen ihr ihre Geheimnisse ablauschen, sollen mit ihr leben und leiden; in fleißiger Arbeit sollen sie Kenntnisse in der Bewirtschaftung des Bodens erwerben und zu Siedlern werden.“ Mit ähnlichem Bild „Die Schule ein Garten – der Lehrer der Gärtner“ beginnt auch eine kleine Schrift „Der Schulgarten im Dienste der Erziehung und des Unterrichtes“ von Jos. Nießen, erschienen bei Schwann in Düsseldorf 1896 und in zweiter Auflage 1908. Die Schrift befasst sich u. a. mit vielen amtlichen Bestimmungen zur notwendigen Schaffung von Schulgärten. Der Autor aus Mettmann beklagte sich im Vorwort der 1. Auflage darüber, dass in Deutschland in der Schulgartenfrage leider noch zu wenig geschehen ist. Im Vorwort der 2. Auflage zwölf Jahre später stellte er jedoch fest: „Die Schulgartenfrage ist bei uns in Deutschland dank den Bemühungen der Behörden und für das Gemeinwohl begeisterter Männer und Frauen, zahlreicher Schulgartenschriften und aufklärender Artikel der pädagogischen Tagespresse recht in Fluß gekommen.“

 

Es war also eine Zeit des Aufbruchs für die Schulgärten, in der Christoph Steinmeyer ans Werk ging. In zahlreichen Elternabenden mussten die Eltern von dem Projekt überzeugt werden. Die Kinder der Schule an der Aachener Straße folgten ihm willig bis begeistert und machten mit ihrer Arbeitskraft den Platz urbar, der bisher Schuttabladeplatz der Müllabfuhr oder Objekt von Bodenspekulationen war. Schutt und Müll soll Steinmeyer als Bodenverbesserer geschätzt haben. Die Schüler gruben die Abfälle unter, bestellten die Beete, ernteten und verkauften schließlich den Ertrag. Mit viel Geld war das Unternehmen nicht gestartet. Durch die bescheidenen Einnahmen hatte man aber die Mittel, den Garten weiter auszubauen. Aus den 150 qm zu Anfang waren 1921 zehn und im zwölften Jahr 30 Morgen (das sind 18.750 qm) geworden. Diese konnten natürlich nicht nur gärtnerisch genutzt werden. Es wurden Lehrerkurse eingerichtet, eine Frauenakademie und gewerbliche Fortbildungsschule für Mädchen und ein Arbeitsschulseminar. Steinmeyers Motto: „Körperliche Arbeit vergeistigen, geistige Arbeit verkörperlichen.“ Man sah darin damals Anfänge zur vollkommenen Arbeitsschule. Hier in Form einer Gartenschule.

Das verplante Gelände dehnte sich in Höhe Räuscherweg 40 (Schulgartenverwaltung) nach Osten etwa 230 m aus, nach Westen bis zum damals schon bestehenden Südfriedhof etwa 175 m. Im Süden grenzte es an Schrebergärten, im Norden verlief die Grenze in Höhe des Haupteingangs des Südfriedhofs. Den Südring gab es nach einem Stadtplan von 1923 noch nicht, nur eine Zufahrtsstraße, die am Südfriedhof endete. Das Gelände im Osten war bis zur Volmerswerther Straße unbebaut, und den späteren Verlauf der Norfer Straße kann man nur erahnen. Geplant waren neben dem Schulgarten zahlreiche andere Bildungsstätten: im Bereich des heutigen Zentralschulgartens ein Saalbau, auf dem Gelände des heutigen Christoph-Steinmeyer-Schulgartens die Freilichtbühne mit Sitzplätzen für 1.600 Erwachsene oder 2.000 bis 2.400 Kinder, dazu Lager, Werkstätte, Schauspielergarderobe und Erfrischungsraum, zwei Schulgebäude, je ein Knaben-, Mädchen- und Kinderheim und andere kleinere Gebäude wie die Kassenhäuschen am nördlichen Eingang. Würde man diesen Eingang durchschreiten, käme man auf das Freigelände, das heute den Kinderspielplatz und den lichten Park bis zum Südring ausmacht. Hier waren Botanischer Garten, Sportplatz und Freiluftschule geplant. Als Rahmen des Ganzen sollten 33 Doppelhäuser, im Lageplan Lehrerhäuser genannt, über drei Seiten das Gelände einrahmen, im Osten etwa auf der Linie der heutigen Norfer Straße. Mit etwas Phantasie kann man diese Pläne (auch ohne Legende) auf dem abgedruckten Plan ausmachen.

Es war ein gigantischer Plan, dessen Verwirklichung enorme Kosten verursacht hätte. Aus dem Erlös des Gartens konnten die benötigten Mittel auf keinen Fall aufgebracht werden. Und jetzt trat ein Mann auf den Plan, dessen Verdienste um den Schulgarten, kommt man auf Christoph Steinmeyer zu sprechen, nicht angemessen gewürdigt werden. 1917 trifft der visionäre Schulmann auf den wohlhabenden Fabrikanten Walter Helmrich. Ohne seine finanzielle Unterstützung und sein gestalterisches und organisatorisches Engagement wäre das gigantische Projekt wohl zum Scheitern verurteilt gewesen. „Wie Werner Daniels bereits in den sechziger Jahren in der Bilker Sternwarte nachgewiesen hat, hat Helmrich eigentlich sein ganzes Leben für die Idee der Schulgärten gekämpft und viel zur Verwirklichung der Freilichtbühne beigetragen.“ Mit diesem Zitat aus der Rheinischen Post vom 4.8.1984 schließen wir diese Folge der „Bilker Adressen“, unter der wir in den nächsten Ausgaben der Bilker Sternwarte in lockerer Form bekannte Persönlichkeiten, die in Bilk gewohnt bzw. gewirkt haben, vorstellen. In Anbetracht des Schulgartenjubiläums sind die ersten Folgen 2013 dem Projekt Christoph Steinmeyers gewidmet. Die Urheber der drei Fotos waren trotz intensiver Nachforschungenleider nicht zu ermitteln.

(Aus: Bilker Sternwarte 1/2013, Zeitschriftder Bilker Heimatfreunde)

Anmerkungen zu den Bildern und zum Lageplan: Die alten Fotos stammen aus einem Nachlass und befinden sich im Besitz des Autors. Der Autor konnte den Urheber trotz intensiver Recherche nicht ausfindig machen.Eines der beiden Diapositive trägt die Bezeichnung – E. Liesegang.

Wenn man die Verdienste Christoph Steinmeyers um die Düsseldorfer Schulgärten, insbesondere um den Zentralschulgarten am Räuscherweg 40 und den gegenüber liegenden Christoph-Steinmeyer-Schulgarten würdigt, tut man das nur für einen Teil seiner Leistung. In einem Gutachten des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), Referat Denkmalpflege vom 16. Juni 1996 befindet sich ein undatierter Lageplan, der nur erahnen lässt, was Christoph Steinmeyer sonst noch schaffen wollte.

FOLGE 2

Walter Helmrich greift ein

Im Jahre 1913 wurde der Christoph-Steinmeyer-Schulgarten am Räuscherweg gegründet. Das war ein Jahr vor dem großen Krieg 1914/1918, den wir aus heutiger Sicht den I. Weltkrieg nennen.

Wenn wir über die Anfänge dieses Schulgartens berichten, müssen wir die Verdienste zweier Männer würdigen, die ohne einander wohl nicht berühmt geworden wären. Es sind die Verdienste des Visionärs und leidenschaftlichen Pädagogen Christoph Steinmeyer und die des wohlhabenden Fabrikanten Walter Helmrich, Besitzer einer kleinen Maschinenfabrik, ein Idealist, der sein ganzes Vermögen dem Projekt am Räuscherweg geopfert hat. Von Steinmeyer stand damals und steht noch in neuerer Zeit vieles geschrieben in einschlägigen Schriften. Wir verdanken es Werner Daniels, dass er auch der „anderen Seite“ (frei nach Seneca: „Audiatur et altera pars“) Gehör verschafft hat, als er 1963 anlässlich des 50. Geburtstages des Christoph-Steinmeyer-Schulgartens ein damals schon 30 Jahre altes Schriftstück in der „Bilker Sternwarte“ - in Auszügen und behutsam redigiert - veröffentlicht und kommentiert hat: die Aufzeichnungen des Walter Helmrich.

später Besitzer einer kleinen Maschinenfabrik am Fürstenplatz und am Ende Gastwirt des Gartenrestaurants Freilichtbühne. Nach der Zerstörung des Restaurants durch Kriegseinwirkungen arbeitete er zum Schluss als Dreher, um für sich und seine Familie den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Er schilderte aus seiner Sicht sein Engagement für das Projekt in allen Einzelheiten und verwies auf Belege über seine Zuwendungen, die beim Original liegen. Er ließ aber deutlich durchblicken, dass die Zusammenarbeit mit Steinmeyer nicht immer harmonisch verlief und letztendlich zu einem Bruch führte. Die folgenden Zitate sind den Aufzeichnungen Helmrichs entnommen, sofern sie nicht anderen Quellen zugeschrieben sind. Die damalige Rechtschreibung wurde beibehalten. Leider konnten wir bei unseren Recherchen keine Äußerungen Steinmeyers zu seinem Verhältnis zu Helmrich finden. Vielleicht sind die Historiker der Uni Düsseldorf, die zur Zeit die Geschichte des Schulgartens erforschen, erfolgreicher.

 

Durch Zufall wurde Steinmeyer 1917 auf Walter Helmrich aufmerksam, vermutlich durch „einen ansehnlichen Geldbetrag“ als Spende für Steinmeyers Kleinkinderschule an der Aachener Straße, die Helmrich dem Seelsorger der Gemeinde Missionar Bastfeld als Dank dafür übergab, dass dieser sein im Alter von fünf Monaten verstorbenes Töchterchen einsegnete, „ehe es der Mutter Erde übergeben werde“. – „Es war damals Brauch, Kinder in diesem Alter ohne alle Zeremonien zu beerdigen.“ Von dieser Spende sollten dringend benötigte Teller und Löffel für die Kinder gekauft werden. Als Frau Helmrich davon hörte, schickte sie Bastfeld „einen noch größeren Geldbetrag“. – „Herr Bastfeld bedankte sich herzlich und verließ freudestrahlend meine Wohnung, um die freudige Nachricht möglichst schnell Herrn Steinmeyer mitzuteilen, der dadurch auf mich aufmerksam wurde.“ Diese anrührende Begebenheit lässt erahnen, auf wie schwachen Füßen in finanzieller Hinsicht das Projekt Steinmeyers zu Anfang stand, und wie Helmrich einen wesentlichen Anteil am Erfolg des Unternehmens hatte.

Helmrich wohnte damals in der Germaniastraße 42. Eines Tages stand Steinmeyer vor seiner Tür. Helmrich freute sich über den Besuch, und sie unterhielten sich „einige Zeit in aller Gemütlichkeit“. Der Rektor erläuterte sein Vorhaben, erwähnte seine momentane Geldverlegenheit und bat um eine Spende. Helmrich stellte ihm gegen Quittung ein Darlehen in Höhe vom 15.000 Mark zur Verfügung. Bei einer Besichtigung des Schulgartens, stellte Helmrich fest, „daß das Werkzeug und Inventar sehr dürftig war. So wurde zum Beispiel ein Pfund Zwiebeln auf einer Dezimalwaage gewogen“. Ältere unter uns wissen noch, dass früher Kohlen und Kartoffeln mit einer Dezimalwaage ausgewogen wurden. Er stiftete eine Normalwaage. Die Rechnung liegt den Aufzeichnungen bei. Und so akribisch berichtete Helmrich über seine Ausgaben bis Ende 1920. Insgesamt 250.000 Mark hat er nach seinen Aufzeichnungen nachweislich bezahlt. Darunter die 80.000 Mark, die er 1919 beim Verkauf seiner Fabrik erlöst hatte. Daneben noch weitere Zuschüsse ohne schriftliche Belege.

 

Ein Teil des Geldes floss in den Bau der Freilichtbühne. In seiner Erinnerung war es 1917 oder 1918, als der Plan zu einer Freilichtbühne reifte, auf der das Stadttheater oder städtische Künstler auftreten sollten. Helmrich kaufte weitere Grundstücke dazu. Einige wurden auf Steinmeyer in das Grundbuch eingetragen, während Helmrich die Hypotheken und Nebenkosten übernahm. 200 Arbeitslose bewegten angefahrenen Schutt und Müll und formten das Gelände. Helmrich besorgte für den Bau der Freilichtbühne Baupläne und ausgediente militärische Baracken und Gebäude von der Luftschiffhalle an der Golzheimer Heide und von der Fliegerabwehrabteilung in Hamm, Flehe und Reisholz. Arbeiter aus seiner Fabrik besorgten zusammen mit ihrem Chef die Bepflanzung der Bühne.

Schwere Missstimmung kam auf, als zu Beginn der Saison 1920 Werbeplakate entworfen wurden. Auf dem Entwurf stand nur Rektor Steinmeyer als Gründer der „Freilichtbühne für Volkskultur“. Von Helmrich als Mitbegründer kein Wort. Nach heftiger Debatte der Kompromiss: „Freilichtbühne für Volkskultur. Im Zusammenhang mit den von Rektor Steinmeyer gegründeten und geleiteten Schulgartenanlagen, errichtet von Rektor Steinmeyer und Walter Helmrich“. Hierzu schreibt Helmrich: „So fand endlich mein Name Ehre, in dem er am Schluß des Entwurfes in eine Ecke gequetscht wurde.“ In allen Veröffentlichungen in der Presse wurde es gepriesen, „das große Werk von Rektor Steinmeyer, das aus nichts geschaffen, nur von Kinderhand von selbst entstanden ist.“ (Zitat aus demSammelband „Düsseldorf“ von Hans Arthur Lux als Herausgeber. Düsseldorf 1921/22). Auch in vielen Tagungsberichten und in der Fachliteratur zu Schulgartenfragen wird Helmrichs Name kaum erwähnt.

 

Im Jahre 1920 wuchsen die Schulden an. Außerdem musste die neue Spielzeit der Freilichtbühne finanziert werden. Ein Antrag an die Stadt um eine Hypothek von 100.000 Mark auf die vorhandenen Anlagen wurde verweigert. Als Kompromiss wurde von der Stadtkämmerei vorgeschlagen: „Die Herren gründen eine GmbH, und die Stadt kann dann der GmbH das Geld zur Verfügung stellen.“ Einen Tag nach diesem Vorschlag wurde Helmrich ins Amt gebeten. Helmrich: „Zu meinem größten Erstaunen wurde mir dort ein fix und fertiger Gesellschaftervertrag vorgelegt. Es ist eigentlich kaum möglich, daß ein solcher Vertrag innerhalb von 24 Stunden aufgesetzt werden kann.“ Er fühlte sich vor vollendete Tatsachen gesetzt. Vor allem beanstandete er, dass Steinmeyer darauf bestand, allein zeichnungsberechtigt zu sein, um kurzfristig Entscheidungen treffen zu können. Im Mai 1920 wurde dann doch die „Gesellschaft für Schulgärten und Freilichtbühne mbH“ gegründet.

„Von diesem Zeitpunkt an“, schrieb Werner Daniels in der Bilker Sternwarte 1963, „wuchs die Entfremdung zwischen den beiden Männern, die jahrelang gemeinsam und uneigennützig einer guten Sache gedient haben, mehr und mehr. Walter Helmrich fühlte sich zur Seite gedrückt und gelangte zu der Überzeugung, daß er seinem Partner langsam lästig falle.“ Und diese Erkenntnis erhielt ihre Bestätigung in einer Passage bei Lux. Der Autor L. schreibt 1925: „Und es klingt wie ein Witz, wenn Rektor Steinmeyer heute, wo er voll Heiterkeit auf ein wohlgelungenes Werk zurückblicken kann, von den mehr als bescheidenen Anfängen erzählt, als noch die Müllabfuhr die einzige und beste Förderin des Werkes war.“ Wäre bei dieser Gelegenheit nicht ein Lob für seinen Mitstreiter Helmrich fällig gewesen? Im Übrigen erwähnt der gewichtige Sammelband „Düsseldorf“ von Hans Arthur Lux in seinem Beitrag „Der Schulgarten“ Walter Helmrich mit keinem Wort, auch nicht in der 2. Auflage 1925.

 

Die Missverständnisse zwischen Steinmeyer und Helmrich häuften sich. Davon geben die Aufzeichnungen Kenntnis. Irgendwann war das Verhältnis zu Steinmeyer endgültig zerstört. Walter Helmrich (geb. am 1.11.1881) zog sich zurück und übernahm die Bewirtschaftung des Erfrischungsraums der Freilichtbühne, baute diese nach und nach zu einem beliebten Restaurant aus. Er erhielt von der Stadt einen Pachtvertrag auf 15 Jahre und führte den Betrieb bis zu dessen Zerstörung im 2. Weltkrieg. Nachdem er in Düsseldorf alles verloren hatte, übersiedelte er nach Prüm in der Eifel und verstarb dort am 29.10.1953.

{Foto} Restaurant Freilichtbühne 1927

In Anwesenheit von Angehörigen des Rektors und Stadtteilpolitikern ehrte die Bezirksvertretung 3 am 5. Juni 1987 Christoph Steinmeyer und Walter Helmrich mit der Enthüllung einer Gedenktafel am Räuscherweg neben dem Eingang zum Kinderspielplatz. Die Inschrift verkündet in schlichten Worten: {Foto Inschrift}

Es ist zu hoffen, dass die Festredner der diesjährigen Jubiläumsfeier die richtigen Worte finden.

 

FOLGE 3

Der Schulgarten als
ausserschulischer Lernort

Das Projekt von Christoph Steinmeyer und Walter Helmrich, das in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden ist, war mehr als ein Schulgarten mit Freilichtbühne. Es wirkte vielmehr auf vielfältige Weise bildungs- und gesellschaftspolitisch. Was anfangs bedeutete, ein Ödland urbar zu machen, entwickelte sich zu einer Arbeitsschule in Form der Gartenschule, in der alle Fächer des Stundenplans ihren Platz hatten, vor allem Rechnen und Schreiben, aber auch Naturlehre, Werken, Singen und Sport. Und dies in frischer Luft und unter der Sonne. Es veränderte – ja verbesserte – die Lebenssituation der Großstadtbevölkerung, die sich nicht über ihren eigentlichen Berufskreis hinaus Aufgaben stellt. Steinmeyer drückte es sehr drastisch aus in einem Beitrag zur Festschrift für die Deutsche Lehrerversammlung in Düsseldorf 1927: „In führenden Kreisen ist wiederholt die Behauptung aufgestellt worden, daß die Großstadtbevölkerung in der zweiten und dritten Generation körperlich und geistig erheblich zurückgehe.“ Eine Auffrischung sei durch Zuzug vom Lande möglich. Er widersprach dieser Behauptung nicht. Er holte die Garten- und Feldarbeit vor die Stadt. In großen Schulgartenanlagen in der Stadt sah er das Heilmittel, das besonders den jungen Menschen zugutekommen sollte.

Gegen anfänglichen Widerstand seitens der Kollegen, Anwohner und sonstiger „Sachverständiger“ baute Rektor Steinmeyer das Schulgartengelände zu einem außerschulischen Lernort aus, der vor allem im Sommer bald größere Bedeutung erlangte, als das Schulgebäude in der Aachener Straße selbst. Zunächst musste Rektor Steinmeyer kräftig die Trommel rühren. Die Jugend folgte ihm willig bis begeistert mit der Schaufel in der Hand, aber die Erwachsenen waren skeptisch. In vielen Elternabenden musste der Rektor schwere Überzeugungsarbeit leisten. Ein Foto aus der Anfangszeit des Schulgartens, dessen Urheber wir trotz intensiver Recherche nicht ermitteln konnten, zeigt eindrucksvoll, wie gut besucht vor 100 Jahren die Elternabende waren.

{Foto} Elternabend

In der genannten Festschrift schrieb Steinmeyer, nachdem er die vielen Betätigungsmöglichkeiten in seinem Schulgarten herausgestellt hatte: „In diesen reichhaltigen Schulgartenbetrieb wird nun der Lehrer mit seinen Schülern hineingestellt. Er selber muß wissen, was er dort mit seiner Jugend betreiben will. Allgemeine Vorschriften gibt es nicht, sonst würden wir wieder in ein starres System verfallen. Das Merkmal unserer Einrichtung ist die Beweglichkeit. Der Lehrer muß mit seinen Schülern geeignete Betätigung suchen, und zwar vormittags in geistiger Arbeit und nachmittags in praktischer Tätigkeit. Gelegentlich unterbrochen durch Sport und Spiel. Die Anschauungen, die Erlebnisse und Erfahrungen in der praktischen Arbeit bilden die Grundlage für den geistigen Unterricht.“ Das bedeutete für die Lehrkräfte, das Lehren neu zu lernen. Großen Wert legte Steinmeyer auf Unterricht im Freien, wozu mehrere Flächen nördlich des heutigen Kinderspielplatzes, umsäumt von niedrigen Hecken, als Freiluftschulen für mehrere Klassen dienten. „Bei nassem oder zu kaltem Wetter, werden die in festen Gebäuden geschaffenen Unterrichtsräume in Anspruch genommen. Unser eigentliches Schulgebäude steht 20 Minuten vom Schulgarten entfernt.“ 

Zur Organisation der Arbeit im Schulgarten schrieb Steinmeyer: „Die Kinder bearbeiten keine Einzelbeete. Der gesamte Garten wird gemeinschaftlich versorgt. Die Bearbeitung der Einzelbeete fördert die Selbstsucht. Die Schule hat die Aufgabe, Gemeinsinn zu pflegen. (…) Dieses gemeinsame Werk atmet Pflichterfüllung, Verantwortung, Dienen, Treue, Dankbarkeit, Liebe. Das Erleben und die Übung in diesen Dingen wirken veredelnd in den jungen Seelen.“

Die Früchte der Arbeit wurden gegen geringes Entgelt gerecht an die Kinder und deren Eltern verteilt. Von dem Erlös wurden der weitere Ausbau der Anlage und deren Unterhaltung finanziert. Erstaunlich ist, wie Steinmeyer es geschafft hat, die ganze Schule – Lehrkräfte, Schüler und Eltern – in die Gartenarbeit einzubinden. Jede Klassearbeitete für einen Vor- oder Nachmittag in der Woche im Schulgarten. „Alle Kinder der 17klassigen evangelischen Schule an der Aachener Straße nehmen an den Arbeiten im 20 Minuten vom eigentlichen Schulgebäude entfernt liegenden Garten unter der Leitung ihrer Lehrer und Lehrerinnen teil, so dass alle Kinder in ihren acht Gartenjahren zu allen Arbeiten herangezogen werden.“ Dies schrieb Dr. Fernande Walder, Dozentin an der VHS Düsseldorf und Lehrbeauftragte an der Heinrich-Heine-Universität, in ihrem Buch „Der Schulgarten in seiner Bedeutung für Unterricht und Erziehung“, erschienen 2002. Ein weiteres undatiertes Foto von dem uns unbekannten Fotografen zeigt ein 17köpfiges (!) Lehrerkollegium auf dem Schulhof an der Aachener Straße.

{Foto} Ein frühes Lehrerkollegium der Evangelischen Volksschule Aachener Straße

Als Christoph Steinmeyer ein Jahr vor dem 1. Weltkrieg mit seinen Schülern zu Schaufel und Spaten griff, um ein Kinderparadies zu schaffen, da hatte er die Vision einer Schule ohne Bücher; das wichtigste Buch sei die Natur. Aber die Idylle wurde gestört. 1914 „kam der Krieg mit seinen vernichtenden, zersetzenden und zerfressenden Wirkungen, dem körperlichen, geistigen und sittlichen Niederbruch in allen Volksschichten.“ Hinzu kamen mangelhafte Wohnverhältnisse, unzureichende Ernährung und Bekleidung und die Unfähigkeit weiter Volkskreise, sich ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Steinmeyer malte ein düsteres Bild der Verhältnisse im Krieg und in der Nachkriegszeit. „Massen des Volkes sind entwurzelt, heimatlos, arbeitslos, seelenlos, vergrämt, verhärmt, verbittert.“ Und dieses düstere Bild präsentierte Steinmeyer seinen Kollegen auf der Deutschen Lehrerversammlung Düsseldorf 1927, und er berichtete, wie der Schulgarten mit vielen Ehrenamtlichen und eifrigen Schülern die neue Herausforderung angenommen hat. Der Schulgarten wurde im Krieg zu einem Versorgungsgarten für die Bevölkerung bis in die Nachkriegszeit hinein. Vor dem Krieg importierte das Deutsche Reich ein Drittel seiner Lebensmittel. Die Isolation Deutschlands verhinderte die Einfuhr. Ganz schlimm traf es die Bevölkerung im „Steckrübenwinter“ 1916/17. Eine Reichskanzlerbekanntmachung vom 1.2.1917 bestimmte: Der Tageskopfsatz an Kartoffeln beträgt ½ Pfund. Fleisch- und Wurstwaren fehlten im Angebot, so dass sich der Kartoffelverbrauch auf das 2½-fache erhöhte. Kartoffelfäule hatte dazu im Herbst 1916 die Ernte halbiert. Ein unerwarteter Kälteeinbruch verschärfte die Versorgungslage. Genauere Angaben über Leistungen des Schulgartens in den vier Kriegsjahren liegen uns nicht vor. Es ist aber anzunehmen, dass der Schulgarten mit seinen vielen freiwilligen Helfern und fleißigen Schulkindern sich bewährt hat. Der zuständige Schularzt Dr. Odenkirchen untersuchte alle Schulkinder der evangelischen Schule Aachener Straße zum Zwecke der Auswahl für die Quäkerspeisung, eine Kinderspeisung ab 1919, und bescheinigte ihnen: „Mein erster Eindruck war, daß die Kinder sehr frisch und lebhaft waren; bei genauerer Untersuchung ergab sich ein überraschend guter Zustand der Kinder. Fälle von Rückgratverkrümmung und Haltungsfehlern sind mir nicht zu Gesicht gekommen, Blutarmut und allgemeine Körperschwäche nur vereinzelt – und dies nur bei Kindern, die nicht an dem Turnen und den Gartenarbeiten teilnehmen.“ 

Trotz der Widrigkeiten, die der Krieg mit sich brachte, entwickelte der Christoph-Steinmeyer-Schulgarten sich in dieser schweren Zeit weiter. In der Nachkriegszeit ist er noch auf einigen anderen Gebieten tätig geworden und hat damit in Düsseldorf viel verändert. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

„Schulfreundliche Ärzte, hervorragende Pädagogen, Gebildete aller Stände verlangen dringend, daß der körperlichen Ausbildung und der Gesundheitspflege der Jugend mehr Sorgfalt gewidmet werde“

schrieb Jos.

Der Christoph-Steinmeyer-Schulgarten, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird, entstand in einer Zeit, in der die Schulgartengründungen von staatlicher Seite gefördert und gefordert wurden. „Schulfreundliche Ärzte, hervorragende Pädagogen, Gebildete aller Stände verlangen dringend, daß der körperlichen Ausbildung und der Gesundheitspflege der Jugend mehr Sorgfalt gewidmet werde“, schrieb Jos. Nießen in seinem Buch „Der Schulgarten im Dienste der Erziehung und des Unterrichtes“ (Düsseldorf 1908). „ … sie wollen, daß die einseitige Bildung des Geistes mehr beschränkt werde zugunsten des Körpers im allgemeinen und zur Erhöhung der Handfertigkeit im besonderen.“ Christoph Steinmeyer, der Rektor der Evangelischen Volksschule an der Aachener Straße, ist dem Aufruf gefolgt und hat 1913 mit seinen Schülern und vielen Helfern und Unterstützern am Räuscherweg Ödland urbar gemacht und ein blühendes Kinderparadies geschaffen. Darüber hinaus hat er einen außergewöhnlichen Lernort gestaltet. Weg vom Buch lernten die Schüler in und mit der Natur. In Folge 3 haben wir darüber berichtet. Der Weltkrieg 1914/18 konnte die Entwicklung nicht stoppen. 1913 wurde im heutigen Christoph-Steinmeyer-Schulgarten die erste Ernte eingeholt, bis in die achtziger Jahre war er ein Schülerarbeitsgarten. 1920 wurde der Zentralschulgarten angelegt, der noch heute die Gärten an den Schulen und Schulklassen betreut und jährlich etwa 4.000 Mädchen und Jungen zu Gast hat. Aus den 150 qm Schutthalde sind bis 1927, dem Jahr der Deutschen Lehrerversammlung in Düsseldorf, 100.000 qm geworden. Es entstanden eine 10.000 qm große Spielwiese, anschließend ein 1.500 qm großes Planschbecken. Dem Planschbecken als Strand vorgelagert ein Kiesgelände, ein großer Sandkasten also, in dem die Schüler im Heimatkunde-Unterricht Landschaften modellieren aber auch nur buddeln konnten. Es entstanden 1922/23 zwei stattliche Gebäude, die heute unter Denkmalschutz stehen, errichtet von den Architekten Fritz Becker und Erich Kutzner nach Entwürfen von Prof. Wilhelm Kreis, der etwa zur gleichen Zeit (1922/24) das Wilhelm-Marx-Haus schuf. In einem Gebäude befanden sich drei Werkräume für Papp-, Holz- und Metallarbeiten. Hier konnten die Schüler der evangelischen Volksschule Aachener Straße ihren Werkunterricht besuchen, der 1921 in 15 Düsseldorfer Volksschulen eingeführt worden war. In dem anderen Gebäude gab es drei Klassenräume und drei Büros. Auf dem alten Foto, dessen Autor selbst nach intensiver Nachforschung nicht ermittelt werden konnte, arbeiten Schüler in ihrem Werkraum für Holzarbeiten. {Foto} Schüler im Werkraum Nach Arbeit, Lernen, Sport und Spiel durfte die Liebe zur Kunst nicht zu kurz kommen. Daher wurde in den Jahren 1918/19 die Freilichtbühne gebaut. Wohl das Lieblingsprojekt des Fabrikanten Walter Helmrich, der seit 1917 sein gesamtes Vermögen dem Schulgarten geopfert hat. Sie wurde eine bedeutende Kulturstätte für Düsseldorf und ein Vorbild für ein Kindertheater. Schauspieler aus Düsseldorfer Theatern, die später berühmt wurden, traten dort auf: Peter Esser, Ewald Balser und Gustav Gründgens. Ab1919 genossen in den Sommermonaten am Abend die Erwachsenen klassische Schauspiele. Am Morgen erlebten täglich bis zu 2.000 Schulkinder aus Düsseldorf und den umliegenden Städten - sogar aus Dortmund - Märchenvorstellungen. Darüber hinaus konnten die Kinder selbst auf der Bühne für ihre Mitschüler und für die Eltern singen, tanzen und spielen. Das rege Treiben auf der Freilichtbühne hielt gut sechs Jahre an. Als Ende 1925 die Stadt die gesamte Anlage übernahm, wurden nur gelegentlich Vorstellungen gegeben. Man fürchtete einen finanziellen Misserfolg. Das alte Foto des unbekannten Fotografen zeigt Mädchen und Jungen posierend in ihren Tanzkostümen auf dem Schulhof in der Aachener Straße. Hans Arthur Lux bejubelte dieFreilichtbühne im gewichtigen Sammelband Deutsche Städtebaukunst. Düsseldorf. 1926 noch: „Große Schauspieler mögen in herrlichen Theatern des Dichters Worte zu deinem Ohr gesprochen haben, nie klingen sie doch so voll wie an diesem Ort.“ Vorher beklagte er in seinem Beitrag über das Düsseldorfer Theaterleben mehrere Seiten lang, dass das Düsseldorfer Schauspielhaus der Luise Dumont und ihres Gatten Gustav Lindemann Ende 1921 in schwere wirtschaftliche Bedrängnis geraten sei und sogar geschlossen werden musste. Dem Schauspielhaus sei durch den Krieg ein Teil seiner Gefolgschaft der „literarischen Kreise“ verloren gegangen. {Foto} Schüler in Tanzkostümen Der Krieg und die Nachkriegszeit bescherten dem Schulgarten zusätzliche Aufgaben. Der Schulgarten diente weiterhin als besonderer Unterrichtsort und trug zusätzlich seinen Teil zur Versorgung der Familien mit Lebensmitteln bei, besonders im „Hungerwinter“ 1916/17. In den vier Kriegsjahren starben in Deutschland 700.000 Menschen an Hunger und Unterernährung. Besonders die Kinder litten unter dem Mangel, den schlimmen Wohnverhältnissen und dem Fehlen des Vaters. In seinem Beitrag in der Festschrift zur Deutschen Lehrerversammlung in Düsseldorf 1927 berichtete Christoph Steinmeyer von einer besonderen Aktion. In den Jahren 1917/18 hatte er Großstadtkinder in 16 Sonderzügen zur Erholung und zur Hilfe in der Landwirtschaft nach Pommern begleitet. Er bedauerte, dass die Bauern nur gesunde, kräftige Kinder in Pflege nahmen. Schwache und besonders erholungsbedürftige Kinder könnten sie nicht gebrauchen. Daher hatte man seit dem Jahr 1922 in den Herbstferien für diese benachteiligten Kinder in den Schulgärten und in geeigneten Grünanlagen Erholungsmaßnahmen eingerichtet. Allein im Jahre 1926 waren es 3.600 Kinder. Sie tummelten sich täglich von 9 bis 12 Uhr auf den Spielwiesen am Räuscherweg und in einem größeren Schulgarten in der Kölner Straße. Sie erhielten mittags ein Fläschchen Milch und ein Mürbchen. Betreut wurden sie jeden Tag von etwa 140 Elternbeiratsmitgliedern. Kosten entstanden ihnen nicht. Am 11. November endete der I.Weltkrieg. 1,8 Millionen Soldaten kehrten nicht zu ihren Familien in Deutschland zurück, 4,2 Millionen kamen als Verwundete nach Hause, 310.000 hatten sich seelische Verletzungen zugezogen. Viele Kinder hatten ihren Vater verloren. In seiner Festschrift beschrieb Christoph Steinmeyer diese Situation wie gewohnt anschaulich-derb, nachdem er die Großstädte als Stätten bezeichnete, die die Menschen körperlich und geistig verbrauchten: „Zu diesem Übelstande kam der Krieg mit seinen vernichtenden, zersetzenden und zerfressenen Wirkungen, dem körperlichen, geistigen und sittlichem Niederbruch in allen Volksschichten.“ – „Massen des Volkes sind entwurzelt, heimatlos, arbeitslos, seelenlos vergrämt, verhärmt, verbittert.“ Dem militärischen Zusammenbruch folgte ein wirtschaftlicher. Viele Jugendliche fanden keine Lehr- oder Arbeitsstelle und gesellten sich zu den arbeitslosen Kriegsheimkehrern. Sie waren aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen. „Hunderttausende sind ohne Arbeit und werden somit zwangsmäßig an Trägheit, Laster und Armut gewöhnt.“ Auch hier zähmte der rührige Rektor wieder nicht seine Zunge bzw. den Schwung seiner Schreibfeder. Lesen wir weiter „Originaltext“ Steinmeyer aus dem Jahre 1927: „Wir haben uns ihrer angenommen. Unter unserer Leitung werden seit vier Jahren bei täglich siebenstündiger Arbeitszeit mehrere Hundert der Jugendlichen unter Führung erwerbsloser Erwachsener zum Ausbau und zu Neuanlagen von Schulgärten auch in anderen Stadtteilen beschäftigt. Ihre Zahl schwankte je nach Wirtschaftslage zwischen 300 und 1100. Die Jugendlichen erhielten neben einem täglichen Mittagessen, das von arbeitslosen Mädchen in einer angeschlossenen Küche bereitet wurde, einen Wochenlohn von 7,70 bis 11,70 Mk. Die jungen Menschen befinden sich bei angemessener Arbeit in einem Betriebe der Ordnung recht wohl und werden somit arbeitsfähig und arbeitsfreudig erhalten und nach Bedürfnis der Wirtschaft wiederzugeführt.“ Die Teilnahme berechtigte die jungen Menschen zum Empfang von Unterstützung aus der Erwerbslosenfürsorge bis zum 18. Lebensjahr. Zu dem erweiterten Angebot zählten Wanderfahrten, wöchentlich ein Sport- und Spieltag, Unterkunft für Obdachlose und Unterricht durch einen erwerbslosen Junglehrer in Rechnen, Stenografie, Englisch und Französisch. Schuhmacher, Schneider und Frisöre boten ihre Dienste an, und zu günstigen Preisen gab es Kleidung und Schuhe auf Raten. Die Betreuer der einzelnen Gewerke wurden aus dem Heer der arbeitslosen Gesellen, Facharbeiter und Meister rekrutiert, unter ihnen auch Maurer. Unter deren Leitung wurden elf der ursprünglich geplanten 33 Lehrerhäuser gebaut. In ihnen sollten Lehrkräfte wohnen, die sich der Idee der ersten Düsseldorfer Gartenschule verpflichtet fühlten. Ein Blick in das Adressbuch von 1942 zeigt, dass dort tatsächlich neben Walter Helmrich Lehrer und Lehrerinnen und Verwaltungsangestellte gemeldet waren. Einige der Lehrerhäuser stehen heute noch am Räuscherweg als steinerne Zeugen des Werkes von Christoph Steinmeyer und Walter Helmrich. {Foto} Lehrerhäuser am Räuscherweg heute Dieser Bericht konnte nur beispielhaft zeigen, wie weit sich das Projekt entfaltet hat. Es hat sich neben erzieherischen bzw. pädagogischen Zielen auch staatsbürgerlichen und kommunalen Aufgaben gewidmet in den Bereichen Arbeit und Soziales, Gesundheit und Hygiene, Kultur, Ernährung und Freizeit. Darum müsste neben Rektor Steinmeyer und seinem Mitstreiter Helmrich auch der vielen freiwilligen Helfern aus Schule, Eltern- und Schülerschaft und auch der Stadtverwaltung Düsseldorf, die die gesamte Anlage nach zwölf Jahren übernommen hat, gedankt werden. Christoph Steinmeyer war seit 1912 Rektor der Evangelischen Volksschule Aachener Straße, ein weitsichtiger Pädagoge, Stadtverordneter von 1919 bis 1924, seit 1921 Mitglied des Landesjugendamtes, des Provinziallandtages und des Provinzialausschusses. Er starb am 6. Juni 1930. Er hat das Leben eines „unermüdlichen Schaffens und reichster Erfolge“ gelebt, sagte Konrad Adenauer, damals Vorsitzender des Provinzialausschusses, auf der Beisetzung Steinmeyers auf dem Südfriedhof.

FOLGE 4

Der Schulgarten und der
Ersten Weltkrieg

Christoph-Steinmeyer-Schulgarten
illuminiert von Jürgen Fuhrmeister

Den 100.Geburtstag feierte der Schulgarten am Räuscherweg zusammen mit der Düsseldorfer Bürgerstiftung DUSS-illuminated ®, die auf ihr 10jähriges Bestehen zurückblickt, mit einem eindrucksvollen Lichterschauspiel „Natur im Licht“. Der Fördervereinhistorischer Schulgarten Räuscherweg e. V. hatte gemeinsam mit der Landeshauptstadt Düsseldorf die Düsseldorfer Bevölkerung zum 3. Oktober 2013 eingeladen, im Rahmen der 725-Jahr-Feier Düsseldorf den Schulgarten in einem anderen Licht zu sehen und zu erleben. Oberbürgermeister Dirk Elbers drückte gegen 20 Uhr nach einer kurzen Ansprache vor vielen Gästen den Startknopf, und mit einer kleinen Verzögerung erstrahlte der Garten in buntem Licht. Zugleich wurde der Turm der Friedhofskapelle des benachbarten Südfriedhofes angestrahlt. Diese Illumination soll als Dauereinrichtung bestehen bleiben als Geschenk der Bürgerstiftung DUSS-illuminated® an die Stadt. In einem durch 200 Ölfackeln, sowie Flammschalen und Teelichtern markierten Rundweg konnten die Besucher festlich illuminierte Bäume, Sträucher und ausgesuchte Orte bewundern. Lichtpunkte mit sphärischer entspannender Musik luden zum Innehalten ein. Besonders beeindruckend ein Trupp von 50 ausgehöhlten und von innen beleuchteten Kürbissen, mit denen die Kinder einer Düsseldorfer Grundschule, die den Namen Carl Sonnenscheins trägt, ein Hauch von Erntedank gespendet haben. 

Lichterschauspiel

Auch an den beiden folgenden Abenden konnte das Lichterschauspiel zwischen 20 und 23 Uhr genossen werden. Viele Düsseldorfer nahmen die Gelegenheit wahr, den Schulgarten, der sonst nur angemeldeten Gruppen zugängig ist, selbst in Augenschein zu nehmen. Die Rheinische Post zählte an den drei Abenden 6.000 Besucher. Es ist wohl keinem (auch nicht den Stadtbediensteten bei Formulierung der Einladung) aufgefallen, dass nicht der Zentralschulgarten illuminiert wurde. Dieser hüllte sich in Dunkelheit. Das Lichterspektakulum erlebten die Besucher gegenüber vom Zentralschulgarten im Christoph-Steinmeyer-Schulgarten, der der Arbeitsschulgarten der Christoph-Steinmeyer-Schule war. Er wurde bis Ende der achtziger Jahre von Schülern dieser Schule und der Hauptschule Gotenstraße bestellt.

Gesamtkunstwerk

Das Gesamtkunstwerk aus Licht und Musik gestaltete der Förderverein in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum(WDGZ). Das Unternehmen hatte zahlreiche Förderer: die Stadtwerke Düsseldorf, die Provinzial-Versicherung und das Atelier MICMAC aus dem Medienhafen, das bunt beleuchtete Glaskugeln auf dem Hauptgang installierte. Als weitere Sponsoren sind die Stadtsparkasse und die Volksbank Düsseldorf Neuss, Firma Plein, Rheinbahn und Aktionsgemeinschaft Düsseldorfer Heimat- und Bürgervereine zu nennen.

Engagement

In einer Presseankündigung des Lichterfestes dankte Schuldezernent Burkhard Hintzsche den Unterstützern und dem Förderverein Historischer Schulgarten: „Die Mitglieder des Fördervereins sind Motor und Seele des Zentralschulgartens. Deren ehrenamtliche Arbeit und die Unterstützung der Sponsoren sind ein vorbildliches Beispiel bürgerschaftlichen Engagements, das diese Lichtereignisse möglich macht.“

In einer Ausstellung auf dem Parkplatz konnten die Besucher sich einen Eindruck davon verschaffen, wieviel Menschen Christoph Steinmeyer für sein Projekt gewinnen konnte. An mehreren mobilen Stellwänden luden Fotografien aus alter und neuerer Zeit zum Verweilen ein. Beeindruckend die hundert Jahre alten Bilder von Julius Söhn mit Atelier in der Kasernenstraße, dem ehemaligen Hoffotografen des Hauses Hohenzollern und Sigmaringen. Sie zeigen u. a. junge Burschen mit Schaufeln in einer Schubladenkolonne beim Erschließen und Kultivieren des ehemaligen Schuttplatzes, Schüler beim Pflanzen von Obstbäumen und aus den 20er-Jahren die vollbesetzten Ränge der Freilichtbühne, die wohl über zweitausend Kindern Platzboten. 

Mit dem Titel „100 Jahre Düsseldorfer Zentralschulgarten“ erschien eine reich illustrierte Festschrift, herausgegeben von Dr. Stefan Schweizer und Johanna Merta, die auch die Fotogalerie gestaltet hat. Der Herausgeber ist Juniorprofessor mit Schwerpunkt Europäische Gartenkunstgeschichte am Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität und Wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schloss und Park Benrath, die neben der Bezirksvertretung 3 das Erscheinen der Schrift unterstützt hat. Ferner kommen der Zentralschulgarten, der Kleingärtnerverein „An der Freilichtbühne“ und der Förderverein zu Wort.

Katja Benner betrachtet in ihrem Beitrag „Ein beglückender Winkel in oft grauer Umgebung“ – Die Geschichte des Schulgartens die historische Entwicklung des Schulgartens als außerschulischen Lernort und als besondere Form den Zentralschulgarten, der die Schulen mit Pflanzen versorgt und die Lehrkräfte in den Schulen bei Gestaltung der schuleigenen Gärten unterstützt. Sie beschreitet den weiten Weg von Platon und Aristoteles im antiken Athen, die in den Gärten ihrer Akademien Vorlesungen hielten und Gespräche mit ihren Schülern führten, bis in die Zeit nach dem II.Weltkrieg und heute. Klostergärten und Botanische Gärten an Universitäten und medizinische Lehrgärten, die Pädagogen und Philanthropen des 17. und 18. Jahrhunderts wie Comenius, Rousseau , Basedow, von Rochow, Salzmann, Pestalozzi und Fröbel, die ministeriellen Bemühungen um die Schaffung von Schulgärten an deutschen Schulen Ende des 19. Jahrhunderts sind Meilensteine auf diesem Weg.

Dr. Stefan Schweizer würdigte in seinem Beitrag Der Düsseldorfer Zentralschulgarten – eine einhundertjährige Geschichte das Werk Christoph Steinmeyers und seiner Nachfolger am Räuscherweg. Gegen Ende des19. Jahrhunderts überschwemmte das Land eine Flut von Publikationen zur Gestaltung von Schulgärten und eine Unzahl von amtlichen Bestimmungen z. B. für Lehrerseminare und Volksschulen, die sich auf den Gartenbau bzw. einzelne Zweige des Schulgartens beziehen. In vielen Städten wurden Musterschulgärten geschaffen, zumeist angebunden an Gartenbauausstellungen, oder betrieben unter Verwaltung der Schul- oder Gartenämter. Während fast überall probiert, geplant und noch debattiert wurde, ging in Düsseldorf Rektor Steinmeyer ans Werk und schuf für die Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Volksschule an der Aachener Straße den Arbeitsschulgarten, der von Anfang an funktionierte und zügig ausgebaut wurde. Zudem bestand er auch seine Bewährungsprobe, als er im I. Weltkrieg zur Versorgung der Bevölkerung beitrug und nach dem Krieg viel Not lindern half. Wir haben darüber in der Bilker Sternwarte 3 und 4/2013 berichtet.

Dr. Schweizer schildert ausführlich die historische Situation, in der Düsseldorf sich befand. Die Einwohnerzahl hatte sich von 1875 bis 1913 von 80.000 auf 402.000 Personen verfünffacht. Düsseldorf „war in dieser Phase zu einer Metropole mit florierender Industrie und prosperierendem Handel aufgestiegen.“Dennoch verschlechterten sich die Lebensverhältnisse zahlreicher Bevölkerungsteile in der Düsseldorfer Peripherie, z. B. in Rath, Lierenfeld und auch in Bilk. Dies habe zu einer Entfremdung der Menschen von der Natur geführt. Der Beitrag beschreibt die Gründungsphase 1913 bis 1918 und die Hochphase mit der Erweiterung und der Gründung der Freilichtbühne. Besonders erfreulich ist es, dass die Verdienste des Mitstreiters und Geldgebers Walter Helmrich ausführlich herausgestellt werden. Bei den mir bekannten Autoren, die den Schulgarten am Räuscherweg zum Thema haben, ist dessen Name nur eine Randnotiz wert. Obwohl der Fabrikant Helmrich sein gesamtes Vermögen – zusammen über 250.000 Mark – beigesteuert hat, wurde er von Steinmeyer nicht als gleichberechtigt akzeptiert. (Siehe Kapitel II).

 

FOLGE 6

Christoph Steinmeyers Beitrag zur Einführung des Werkunterrichtes in die Volksschule

Der Förderverein historischer Schulgarten Räuscherweg - Natur- und Begegnungszentrum e. V., feierte vor drei Jahren das hundertjähriges Bestehen des Christoph-Steinmeyer-Schulgartens.

Der Förderverein historischer Schulgarten Räuscherweg - Natur- und Begegnungszentrum e. V., feierte vor drei Jahren das hundertjähriges Bestehen des Christoph-Steinmeyer-Schulgartens. Die Bilker Sternwarte hatte 2013 in der Kolumne Bilker Adressen in 5 Folgen das Werk von Christoph Steinmeyer, der 1913 den Schulgarten am Räuscherweg gegründet hat, und seines Mitstreiters Walter Helmrich (ab1917) gewürdigt. Der Schulgarten war die Keimzelle eines im In- und Ausland viel beachteten Projektes, das eigentlich die Jugend der Natur näher bringen sollte. Das Projekt wurde allerdings, bedingt durch die soziale Lage (Verarmung, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und gesundheitliche Unterversorgung) vor, im und nach dem I. Weltkrieg und während des Elends danach, zu einem sozialen Projekt. Darüber hinaus spielte es eine Rolle beim Umbau des Volksschulunterrichtes nach dem I. Weltkrieg.

In der Festschrift zur Deutschen Lehrerversammlung Düsseldorf 1927 stellte Steinmeyer, der damalige Rektor der evangelischen Volksschule an der Aachener Straße 39, seinen Kollegen im Deutschen Lehrerverein sein Projekt vor, nach dem er Pestalozzi zitiert hat: „Die Natur enthüllt alle Kräfte der Menschheit durch Übung, und ihr Wachstum gründet sich auf Gebrauch.“ Dann schwärmt er: „Im Jahr 1913 haben wir mit einem kleinen Stückchen Land von 150 Quadratmeter Größe begonnen und sind nunmehr zu einer Fläche von 100 000 Quadratmeter angewachsen. Aus einem Müll- und Kiesgelände ist in jahrelanger, schwerer Arbeit nach dem Urteil der Bevölkerung ein Kinderparadies geschaffen worden.“ 

Ein undatierter Lageplan des ursprünglichen Konzeptes der Gesamtanlage des Schulgartens, den wir einem Gutachten des Landschaftsverbandes Rheinland (Amt für Denkmalpflege) von 1996 entnehmen, erahnen wir, was Steinmeyer danach beschreibt: „Auf einer 10 000 Quadratmeter großen grünen Spielwiese und in einem sich anschließenden 1500 Quadrat-meter großen Planschbecken können die Kinder sich tummeln und sich erfreuen. Dem Planschbecken als Strand vorgelagert ist ein Kiesgelände, das als Sandkasten zum beliebigen Buddeln wie zu geregelten Unterrichtszwecken dient. … Große Gemüsefelder, Obst- und Parkanlagen werden von Kindern bebaut und gepflegt. An Mistbeeten lernen die Kinder Anzucht und Pflege der Pflanzen kennen.“ 

 

Auf dem Lageplan oben rechts gegenüber der Freilichtbühne befindet sich die heutige Bilker Adresse: Räuscherweg 40. Hier ist der Eingang zum Zentralschulgarten und zugleich zur Dependance der Elly-Heuss-Knapp-Schule. Auf dem Plan erkennen wir zwei Gebäude, die im rechten Winkel zueinander stehen. Steinmeyer setzte sie in seinem Bericht an den Schluss der Aufzählung: „Ein stattliches Werkstättengebäude enthält drei große Werkräume für Papp-, Holz- und Metallarbeiten, ein anderes gleichartiges Gebäude drei Klassen- und drei Bureauräume.“ Das Gutachten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege von 1996 stellte fest: „Seit ihrer Entstehung wurden sie (gemeint sind die gesamten Anlagen des Projektes) permanent für Unterrichts- und Forschungszwecke genutzt worden. Nach dem Gutachten seien die Anlagen „ein geschichtliches Dokument der Schulgärten in Deutschland, speziell in den Großstädten.“ Die genannten Gebäude wurden 1922-1923 von den Architekten Fritz Becker und Erich Kutzner errichtet, die in Düsseldorf mehrere Gebäude gebaut haben, die unter Denkmalschutz stehen. Betritt man das Gelände vom Räuscherweg aus, geht man zunächst am Schulgebäude entlang und hat voraus die querstehende Werkschule im Blick. Die ehemals offenen Loggien beider Gebäude – auf dem alten Foto noch erkennbar – sind in neuerer Zeit verschlossen worden, um größere Klassenräume zu bekommen.

 

 Foto: Lageplan zu Steinmeyers Schulgartenprojekt 1913

 

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts habe die Volksschule, das „eigentliche Rückgrat unsrer gesamten Volksbildung eine besondere Pflege und Förderung erfahren“, schrieb der Düsseldorfer Beigeordnete Prof. Dr. Herold in einem Beitrag zu dem voluminösen Sammelband „Düsseldorf. Deutsche Städtebaukunst. Wirken und Werke deutscher Selbstverwaltung. Düsseldorf 1921/1922.“ Zu den vielen Neuerungen zählte er auch die Einführung von Fachräumen, die den praktisch-technischen Ansprüchen der Gegenwart gerecht werden sollten, z. B. Werkstätten für den freiwilligen „Arbeits- und Handfertigkeitsunterricht“. In sogenannten Handfertigkeitsschulen sollten bei praktischer Arbeit schon im schulpflichtigen Alter die künstlerischen und handwerklichen Anlagen gefördert und dadurch die Kinder fürs Leben und den späteren Beruf vorgebildet werden. Der Beitrag von Prof. Dr. Herold war gerade erschienen, da wurden die Handfertigkeitsschulen am 1. April 1921 aufgelöst. An Stelle des bislang freiwilligen Handfertigkeitsunterrichtes wurde der Werkstättenunterricht als Pflichtfach in den Lehrplan der Volksschule aufgenommen. Zunächst erhielten in Düsseldorf 15 Knabenoberklassen der Volksschulen wöchentlich 2 Stunden Werkunterricht in ihrem Stundenplan. Unterrichtet wurden die Schüler von Lehrkräften, die in einjährigen Kursen in einem eigens dafür eingerichteten Seminar eine Ausbildung für den Werkstättenunterricht erhielten. Ab 1929 benannte man diese Einrichtungen um in Bezirksschülerwerkstätten. Die Einrichtung am Räuscherweg war zuständig für die evangelische und die katholische Volksschule Aachener Straße sowie für die katholische Volksschule Fleher Straße. Diese Werkstätte wurde – wie die anderen auch – 1933 geschlossen. Über die 12 Jahre des „Tausendjährigen Reichs“ liegen nur geringe Informationen vor.

 

Foto: Steinmeyers Werkschule vor dem Umbau

Foto: Werkraum für Pappe in Steinmeyers Werkschule ca. 1925

 

Die 2009 verstorbene Ulrike Scheffler-Rother, Künstlerin, Hochschuldozentin und Politikerin, hat sich in einem bemerkenswerten Aufsatz zu Kunst am Schulbau u.a. mit dem Werden und Wirken des Städtischen Seminars für werktätige Erziehung am Räuscherweg beschäftigt. Sie schrieb zu dessen Vorgeschichte nach 1945: „Zur Ausbildung von Werklehrer/innen berechtigt war ein städtisches Arbeitsschulseminar im Souterrain des Kunstgewerbemuseums, später untergebracht in der Schule Blücherstraße bzw. einem Gebäude in der Eisenstraße.“ Im Rahmen eines bescheidenen Faltblattes stelle sich die Einrichtung wie folgt vor: „Eine Ausbildungsstätte für Lehrer auf der Grundlage des Arbeitsschulprinzips. Es kommen Lehrer, die im Beruf stehen und Jugendpfleger sowie Eltern, die die eigene Handfertigkeit schulen wolle. Man will helfen, alle Sinne aufzurühren, beweglich zu machen, in Tätigkeit zu setzen und aus dem Nichts schaffen zu können.“

 

In einem Verwaltungsbericht für den Bereich vom 1.4.1949 – 31.3.1950, den wir im Stadtarchiv einsehen konnten, lesen wir: „Am 1.11.1949 wurde mit Unterstützung der Schulaufsichtsbehörde das Seminar für werktätige Erziehung eingerichtet. Der Unterricht begann mit 25 Teilnehmern. Als Leiter wurde vorläufig bis 30.9.1950 der Professor i. R. Wilhelm Michel bestellt. Gemeldet sind 12 männliche und 13 weibliche Teilnehmer.“ Im Verwaltungsbericht für die Zeit vom 1.4.1950 – 31.3.1951 wurde berichtet, dass im Oktober 1950 die erste Abschlussprüfung mit 21 Teilnehmern und im März 1951 die zweite mit 18 Teilnehmern durchgeführt werden konnte. Alle Prüflinge haben die Abschlussprüfung bestanden. Die Prüfungskommission und auch die Schulaufsichtsbehörde seien mit den Prüfungsergebnissen „außerordentlich zufrieden“ gewesen. Konnten sie auch, denn es herrschte Lehrermangel an den Volksschulen. Die Kollegien konnten die Verstärkung durch Fachlehrer für Werken gut gebrauchen.

 

Dem zweiten Bericht entnehmen wir weiter: „Dem Seminar wurde eine Schulbaracke auf dem Gelände der Freilichtbühne mit zwei Klassenräumen und zwei Nebenräumen zur Verfügung gestellt. Hier konnten die Metallwerkstätten des Seminars vorbildlich untergebracht werden. Darüber hinaus wurde der Schulleitung ein bescheidener Raum als Amts- und Geschäftszimmer in den Räumen am Räuscherweg eingerichtet.“ Der Berichterstatter beklagt am Schluss: „Leider hat das Kultusministerium den zugesagten Staatszuschuss für 1950 im Betrage von 6000,- DM für das Seminar nicht gewährt.“

Das Werkseminar war bis Mitte der 70er Jahre eine Ausbildungsstätte für Fachlehrer. Freiberufliche Pädagogen, aktive Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Studenten der Kunstakademie konnten je nach Vorbildung in ein bis sechs Semestern in Werkstätten für Holz, Metall, Pappe oder Textilien nach praktischer und mündlicher Prüfung Fachlehrer werden und die Lehrbefähigung im Fach Werken erwerben. Für Volksschullehrer, die ihrer Ausbildung nach pädagogischen Zehnkämpfern ähnelten, wurden Studiengänge angeboten, in denen sie Werken als Wahlfach erwerben konnten. Prof. Hermann Michel, der erste Leiter des Werkseminars „verfügte in vielerlei Hinsicht über eine langjährige berufliche Erfahrung im Bereich der Werkerziehung. Seit seiner Ausbildung als Werklehrer am Ausgang des ersten Weltkrieges war der Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie mit der Entwicklung des Werkunterrichtes bzw. der Einrichtung von Werklehrerseminaren u. a. als Professor der Kunstakademie Kassel tätig gewesen.“ (Scheffler-Rother) Als Dozenten standen ihm u. a. Künstler, Handwerker, Werk- und Kunstlehrer (u. a. aus den Schulen an der Aachener Straße, wie Stoye, Fabritz und Baum) zur Seite. Viele Absolventen wurden anerkannte Künstler und Dozenten. 

 

Foto: Steinmeyers Schulgebäude heute (rechts)

Foto: Steinmeyers Werkschule heute

 

Der Autor hat 1961 bis 1963 selbst fünf Semester lang im Werkseminar Räuscherweg Holz, Metall, Pappe und Zeichenpapier bearbeitet. Er hat viele Anregungen für den Werkunterricht und auch für das heimische Werken bekommen, und einige Werkstücke aus dieser Zeit sind noch heute im Gebrauch. Nicht mehr vorhanden sind die geometrischen Körper aus Lederpappe, die bei Erwin Heerich, der 1961 als Lehrer am Werkseminar eine Anstellung erhielt, zusammengeklebt wurden. Offenbar Vorübungen für seine 10 Kartonplastiken, die Heerich 1968 auf der 4. Documenta in Kassel ausstellte. Wer konnte damals ahnen, dass Heerich einmal zu den wichtigsten deutschen Bildhauern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen wird. Wer die Museumsinsel Hombroich besucht, kann in den Gebäuden gut ein Dutzend seiner stereometrischen Großskulpturen durchschreiten.

(Aus: Die Bilker Sternwarte 2013, Zeitschrift der Bilker Heimatfreunde)