100 Jahre Christoph-Steinmeyer-Schulgarten

Folge 4 -  Der Schulgarten und der I. Weltkrieg

von Jürgen Fuhrmeister

Der Christoph-Steinmeyer-Schulgarten, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird, entstand in einer Zeit, in der die Schulgartengründungen von staatlicher Seite gefördert und gefordert wurden. „Schulfreundliche Ärzte, hervorragende Pädagogen, Gebildete aller Stände verlangen dringend, daß der körperlichen Ausbildung und der Gesundheitspflege der Jugend mehr Sorgfalt gewidmet werde“, schrieb Jos. Nießen in seinem Buch „Der Schulgarten im Dienste der Erziehung und des Unterrichtes“ (Düsseldorf 1908). „ … sie wollen, daß die einseitige Bildung des Geistes mehr beschränkt werde zugunsten des Körpers im allgemeinen und zur Erhöhung der Handfertigkeit im besonderen.“ Christoph Steinmeyer, der Rektor der Evangelischen Volksschule an der Aachener Straße, ist dem Aufruf gefolgt und hat 1913 mit seinen Schülern und vielen Helfern und Unterstützern am Räuscherweg Ödland urbar gemacht und ein blühendes Kinderparadies geschaffen. Darüber hinaus hat er einen außergewöhnlichen Lernort gestaltet. Weg vom Buch lernten die Schüler in und mit der Natur. In Folge 3 haben wir darüber berichtet.

 

Der Weltkrieg 1914/18 konnte die Entwicklung nicht stoppen. 1913 wurde im heutigen Christoph-Steinmeyer-Schulgarten die erste Ernte eingeholt, bis in die achtziger Jahre war er ein Schülerarbeitsgarten. 1920 wurde der Zentralschulgarten angelegt, der noch heute die Gärten an den Schulen und Schulklassen betreut und jährlich etwa 4.000 Mädchen und Jungen zu Gast hat. Aus den 150 qm Schutthalde sind bis 1927, dem Jahr der Deutschen Lehrerversammlung in Düsseldorf, 100.000 qm geworden. Es entstanden eine 10.000 qm  große Spielwiese, anschließend ein 1.500 qm großes Planschbecken. Dem Planschbecken als Strand vorgelagert ein Kiesgelände, ein großer Sandkasten also, in dem die Schüler im Heimatkunde-Unterricht Landschaften modellieren aber auch nur buddeln konnten. Es entstanden 1922/23 zwei stattliche Gebäude, die heute unter Denkmalschutz stehen, errichtet von den Architekten Fritz Becker und Erich Kutzner nach Entwürfen von Prof. Wilhelm Kreis, der etwa zur gleichen Zeit  (1922/24) das Wilhelm-Marx-Haus schuf. In einem Gebäude befanden sich drei Werkräume für Papp-, Holz- und Metallarbeiten. Hier konnten die Schüler der evangelischen Volksschule Aachener Straße ihren Werkunterricht besuchen, der 1921 in 15 Düsseldorfer Volksschulen eingeführt worden war. In dem anderen Gebäude gab es drei Klassenräume und drei Büros. Auf dem alten Foto, dessen Autor selbst nach intensiver Nachforschung nicht ermittelt werden konnte, arbeiten Schüler in ihrem Werkraum für Holzarbeiten.

 

Schüler im Werkraum

 

Nach Arbeit, Lernen, Sport und Spiel durfte die Liebe zur Kunst nicht zu kurz kommen. Daher wurde in den Jahren 1918/19 die Freilichtbühne gebaut. Wohl das Lieblingsprojekt des Fabrikanten Walter Helmrich, der seit 1917 sein gesamtes Vermögen dem Schulgarten geopfert hat. Sie wurde eine bedeutende Kulturstätte für Düsseldorf und ein Vorbild für ein Kindertheater. Schauspieler aus Düsseldorfer Theatern, die später berühmt wurden, traten dort auf: Peter Esser, Ewald Balser und Gustav Gründgens. Ab1919 genossen in den Sommermonaten am Abend die Erwachsenen klassische Schauspiele. Am Morgen erlebten täglich bis zu 2.000 Schulkinder aus Düsseldorf und den umliegenden Städten - sogar aus Dortmund - Märchenvorstellungen. Darüber hinaus konnten die Kinder selbst auf der Bühne für ihre Mitschüler und für die Eltern singen, tanzen und spielen. Das rege Treiben auf der Freilichtbühne hielt gut sechs Jahre an. Als Ende 1925 die Stadt die gesamte Anlage übernahm, wurden nur gelegentlich Vorstellungen gegeben. Man fürchtete einen finanziellen Misserfolg. Das alte Foto des unbekannten Fotografen zeigt Mädchen und Jungen posierend in ihren Tanzkostümen auf dem Schulhof in der Aachener Straße.

 

Hans Arthur Lux bejubelte dieFreilichtbühne im gewichtigen Sammelband Deutsche Städtebaukunst. Düsseldorf. 1926 noch: „Große Schauspieler mögen in herrlichen Theatern des Dichters Worte zu deinem Ohr gesprochen haben, nie klingen sie doch so voll wie an diesem Ort.“ Vorher beklagte er in seinem Beitrag über das Düsseldorfer Theaterleben mehrere Seiten lang, dass das Düsseldorfer Schauspielhaus der Luise Dumont und ihres Gatten Gustav Lindemann Ende 1921 in schwere wirtschaftliche Bedrängnis geraten sei und sogar geschlossen werden musste. Dem Schauspielhaus sei durch den Krieg ein Teil seiner Gefolgschaft der „literarischen Kreise“ verloren gegangen.

 

Schüler in Tanzkostümen

 

Der Krieg  und die Nachkriegszeit bescherten dem Schulgarten zusätzliche Aufgaben. Der Schulgarten diente weiterhin als besonderer Unterrichtsort und trug zusätzlich seinen Teil zur Versorgung der Familien mit Lebensmitteln bei, besonders im „Hungerwinter“ 1916/17. In den vier Kriegsjahren starben in Deutschland 700.000 Menschen an Hunger und Unterernährung. Besonders die Kinder litten unter dem Mangel, den schlimmen Wohnverhältnissen und dem Fehlen des Vaters. In seinem Beitrag in der Festschrift zur Deutschen Lehrerversammlung in Düsseldorf 1927 berichtete Christoph Steinmeyer von einer besonderen Aktion. In den Jahren 1917/18 hatte er Großstadtkinder in 16 Sonderzügen zur Erholung und zur Hilfe in der Landwirtschaft nach Pommern begleitet. Er bedauerte, dass die Bauern nur gesunde, kräftige Kinder in Pflege nahmen. Schwache und besonders erholungsbedürftige Kinder könnten sie nicht gebrauchen. Daher hatte man seit dem Jahr 1922 in den Herbstferien für diese benachteiligten Kinder in den Schulgärten und in geeigneten Grünanlagen Erholungsmaßnahmen eingerichtet. Allein im Jahre 1926 waren es 3.600 Kinder. Sie tummelten sich täglich von 9 bis 12 Uhr auf den Spielwiesen am Räuscherweg und in einem größeren Schulgarten in der Kölner Straße. Sie erhielten mittags ein Fläschchen Milch und ein Mürbchen. Betreut wurden sie jeden Tag von etwa 140 Elternbeiratsmitgliedern. Kosten entstanden ihnen nicht.  

 

Am 11. November endete der I.Weltkrieg. 1,8 Millionen Soldaten kehrten nicht zu ihren Familien in Deutschland zurück, 4,2 Millionen kamen als Verwundete nach Hause, 310.000 hatten sich seelische Verletzungen zugezogen. Viele Kinder hatten ihren Vater verloren. In seiner Festschrift beschrieb Christoph Steinmeyer diese Situation wie gewohnt anschaulich-derb, nachdem er die Großstädte als Stätten bezeichnete, die die Menschen körperlich und geistig verbrauchten: „Zu diesem Übelstande kam der Krieg mit seinen vernichtenden, zersetzenden und zerfressenen Wirkungen, dem körperlichen, geistigen und sittlichem Niederbruch in allen Volksschichten.“ – „Massen des Volkes sind entwurzelt, heimatlos, arbeitslos, seelenlos vergrämt, verhärmt, verbittert.“

 

Dem militärischen Zusammenbruch folgte ein wirtschaftlicher. Viele Jugendliche fanden keine Lehr- oder Arbeitsstelle und gesellten sich zu den arbeitslosen Kriegsheimkehrern. Sie waren aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen. „Hunderttausende sind ohne Arbeit und werden somit zwangsmäßig an Trägheit, Laster und Armut gewöhnt.“ Auch hier zähmte der rührige Rektor wieder nicht seine Zunge bzw. den Schwung seiner Schreibfeder. Lesen wir weiter „Originaltext“ Steinmeyer aus dem Jahre 1927: „Wir haben uns ihrer angenommen. Unter unserer Leitung werden seit vier Jahren bei täglich siebenstündiger Arbeitszeit mehrere Hundert der Jugendlichen unter Führung erwerbsloser Erwachsener zum Ausbau und zu Neuanlagen von Schulgärten auch in anderen Stadtteilen beschäftigt. Ihre Zahl schwankte je nach Wirtschaftslage zwischen 300 und 1100. Die Jugendlichen erhielten neben einem täglichen Mittagessen, das von arbeitslosen Mädchen in einer angeschlossenen Küche bereitet wurde, einen Wochenlohn von 7,70 bis 11,70 Mk. Die jungen Menschen  befinden sich  bei angemessener Arbeit in einem Betriebe der Ordnung recht wohl und werden somit arbeitsfähig und arbeitsfreudig erhalten und nach Bedürfnis der Wirtschaft  wiederzugeführt.“ Die Teilnahme berechtigte die jungen Menschen zum Empfang von Unterstützung aus der Erwerbslosenfürsorge bis zum 18. Lebensjahr. Zu dem erweiterten Angebot zählten Wanderfahrten, wöchentlich ein Sport- und Spieltag, Unterkunft für Obdachlose und Unterricht durch einen erwerbslosen Junglehrer in Rechnen, Stenografie, Englisch und Französisch. Schuhmacher, Schneider und Frisöre boten ihre Dienste an, und zu günstigen Preisen gab es Kleidung und Schuhe auf Raten.

 

Die Betreuer der einzelnen Gewerke wurden aus dem Heer der arbeitslosen Gesellen, Facharbeiter und Meister rekrutiert, unter ihnen auch Maurer. Unter deren Leitung wurden elf der ursprünglich geplanten 33 Lehrerhäuser gebaut. In ihnen sollten Lehrkräfte wohnen, die sich der Idee der ersten Düsseldorfer Gartenschule verpflichtet fühlten. Ein Blick in das Adressbuch von 1942 zeigt, dass dort tatsächlich neben Walter Helmrich Lehrer und Lehrerinnen und Verwaltungsangestellte gemeldet waren. Einige der Lehrerhäuser stehen heute noch am Räuscherweg als steinerne Zeugen des Werkes von Christoph Steinmeyer und Walter Helmrich.

 

Lehrerhäuser am Räuscherweg heute

 

Dieser Bericht konnte nur beispielhaft zeigen, wie weit sich das Projekt entfaltet hat. Es hat sich neben erzieherischen bzw. pädagogischen Zielen auch staatsbürgerlichen und kommunalen Aufgaben gewidmet in den Bereichen Arbeit und Soziales, Gesundheit und Hygiene, Kultur, Ernährung und Freizeit. Darum müsste neben Rektor Steinmeyer und seinem Mitstreiter Helmrich auch der vielen freiwilligen Helfern aus Schule, Eltern- und Schülerschaft und auch der Stadtverwaltung Düsseldorf, die die gesamte Anlage nach zwölf Jahren übernommen hat, gedankt werden.

 

Christoph Steinmeyer war seit 1912 Rektor der Evangelischen Volksschule Aachener Straße, ein weitsichtiger Pädagoge, Stadtverordneter von 1919 bis 1924, seit 1921 Mitglied des Landesjugendamtes, des Provinziallandtages und des Provinzialausschusses. Er starb am 6. Juni 1930. Er hat das Leben eines „unermüdlichen Schaffens und reichster Erfolge“ gelebt, sagte Konrad Adenauer, damals Vorsitzender des Provinzialausschusses, auf der Beisetzung Steinmeyers auf dem Südfriedhof.

 

(Aus:Die Bilker Sternwarte 4/2013, Zeitschrift der Bilker Heimatfreunde)

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 












 

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