100 Jahre Christoph-Steinmeyer-Schulgarten

Folge 3 - Der Schulgarten als außerschulischer Lernort

von Jürgen Fuhrmeister

Das Projekt  von Christoph Steinmeyer und Walter Helmrich, das in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden ist, war mehr als ein Schulgarten mit Freilichtbühne. Es wirkte vielmehr auf vielfältige Weise bildungs- und gesellschaftspolitisch. Was anfangs bedeutete, ein Ödland urbar zu machen, entwickelte sich zu einer Arbeitsschule in Form der Gartenschule, in der alle Fächer des Stundenplans ihren Platz hatten, vor allem Rechnen und Schreiben, aber auch Naturlehre, Werken, Singen und Sport. Und dies in frischer Luft und unter der Sonne.  Es veränderte - ja verbesserte - die Lebenssituation der Großstadtbevölkerung, die sich nicht über ihren eigentlichen Berufskreis hinaus Aufgaben stellt. Steinmeyer drückte es sehr drastisch aus in  einem Beitrag zur Festschrift für die Deutsche Lehrerversammlung in Düsseldorf 1927: „In führenden Kreisen ist wiederholt die Behauptung aufgestellt worden, daß die Großstadtbevölkerung in der zweiten und dritten Generation körperlich und geistig erheblich zurückgehe.“ Eine Auffrischung sei durch Zuzug vom Lande möglich. Er widersprach dieser Behauptung nicht. Er holte die Garten- und Feldarbeit vor die Stadt. In großen Schulgartenanlagen in der Stadt sah er das Heilmittel, das besonders den jungen Menschen zugutekommen sollte.  

 

Gegen anfänglichen Widerstand seitens der Kollegen, Anwohner und sonstiger „Sachverständiger“ baute Rektor Steinmeyer das Schulgartengelände zu einem außerschulischen Lernort aus, der vor allem im Sommer bald größere Bedeutung erlangte, als das Schulgebäude in der Aachener Straße selbst. Zunächst musste Rektor Steinmeyer kräftig die Trommel rühren. Die Jugend folgte ihm willig bis begeistert mit der Schaufel in der Hand, aber die Erwachsenen waren skeptisch. In vielen Elternabenden musste der Rektor schwere Überzeugungsarbeit leisten. Ein Foto aus der Anfangszeit des Schulgartens, dessen Urheber wir trotz intensiver Recherche nicht ermitteln konnten, zeigt eindrucksvoll, wie gut besucht vor 100 Jahren die Elternabende waren.                                    

 

 

 

 

In der genannten Festschrift schrieb Steinmeyer, nachdem er die vielen Betätigungsmöglichkeiten in seinem Schulgarten  herausgestellt hatte: „In diesen reichhaltigen Schulgartenbetrieb wird nun der Lehrer mit seinen Schülern hineingestellt. Er selber muß wissen, was er dort mit seiner Jugend betreiben will. Allgemeine Vorschriften gibt es nicht, sonst würden wir wieder in ein starres System verfallen. Das Merkmal unserer Einrichtung ist die Beweglichkeit. Der Lehrer muß mit seinen Schülern geeignete Betätigung suchen, und zwar vormittags in geistiger Arbeit und nachmittags in praktischer Tätigkeit. Gelegentlich unterbrochen durch Sport und Spiel. Die Anschauungen, die Erlebnisse und Erfahrungen in der praktischen Arbeit bilden die Grundlage für den geistigen Unterricht.“ Das bedeutete für die Lehrkräfte, das Lehren neu zu lernen. Großen Wert legte Steinmeyer auf Unterricht im Freien, wozu mehrere Flächen nördlich des heutigen Kinderspielplatzes, umsäumt von niedrigen Hecken, als Freiluftschulen für mehrere Klassen dienten. „Bei nassem oder zu kaltem Wetter, werden die in festen Gebäuden geschaffenen Unterrichtsräume in Anspruch genommen. Unser eigentliches Schulgebäude steht 20 Minuten vom Schulgarten entfernt.“

 

Zur Organisation der Arbeit im Schulgarten schrieb Steinmeyer: „Die Kinder bearbeiten keine Einzelbeete. Der gesamte Garten wird gemeinschaftlich versorgt. Die Bearbeitung der Einzelbeete fördert die Selbstsucht. Die Schule hat die Aufgabe, Gemeinsinn zu pflegen. (…) Dieses gemeinsame Werk atmet Pflichterfüllung, Verantwortung, Dienen, Treue, Dankbarkeit, Liebe. Das Erleben und die Übung in diesen Dingen wirken veredelnd in den jungen Seelen.“

 

Die Früchte der Arbeit wurden gegen geringes Entgelt gerecht an die Kinder und deren Eltern verteilt. Von dem Erlös wurden der weitere Ausbau der Anlage und deren Unterhaltung finanziert. Erstaunlich ist, wie Steinmeyer es geschafft hat, die ganze Schule – Lehrkräfte, Schüler und Eltern in die Gartenarbeit einzubinden. Jede Klassearbeitete für einen Vor- oder Nachmittag in der Woche im Schulgarten. „Alle Kinder der 17klassigen evangelischen Schule an der Aachener Straße nehmen an den Arbeiten im 20 Minuten vom eigentlichen Schulgebäude entfernt liegenden Garten unter der Leitung ihrer Lehrer und Lehrerinnen teil, so dass alle Kinder in ihren acht Gartenjahren zu allen Arbeiten herangezogen werden.“ Dies schrieb Dr. Fernande Walder, Dozentin an der VHS Düsseldorf und Lehrbeauftragte an der Heinrich-Heine-Universität,  in ihrem Buch „Der Schulgarten in seiner Bedeutung für Unterricht und Erziehung“, erschienen  2002. Ein weiteres undatiertes Foto von dem uns unbekannten Fotografen zeigt ein 17köpfiges (!) Lehrerkollegium auf dem Schulhof an der Aachener Straße.

 

 

Als Christoph Steinmeyer ein Jahr vor dem 1. Weltkrieg  mit seinen Schülern zu Schaufel und Spaten griff, um ein Kinderparadies zu schaffen, da hatte er die Vision einer Schule ohne Bücher; das wichtigste Buch sei die Natur. Aber die Idylle wurde gestört. 1914 „kam der Krieg mit seinen vernichtenden, zersetzenden und zerfressenden Wirkungen, dem körperlichen, geistigen und sittlichen Niederbruch in allen Volksschichten.“  Hinzu kamen mangelhafte Wohnverhältnisse, unzureichende Ernährung und Bekleidung und die Unfähigkeit weiter Volkskreise, sich ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Steinmeyer malte ein düsteres Bild der Verhältnisse im Krieg und in der Nachkriegszeit. „Massen des Volkes sind entwurzelt, heimatlos, arbeitslos, seelenlos, vergrämt, verhärmt, verbittert.“ Und dieses düstere Bild präsentierte Steinmeyer seinen Kollegen auf der Deutschen Lehrerversammlung Düsseldorf 1927, und er berichtete, wie der Schulgarten mit vielen Ehrenamtlichen und eifrigen Schülern die neue Herausforderung angenommen hat. Der Schulgarten wurde im Krieg zu einem Versorgungsgarten für die Bevölkerung bis in die Nachkriegszeit hinein. Vor dem Krieg importierte das Deutsche Reich ein Drittel  seiner Lebensmittel. Die Isolation Deutschlands verhinderte die Einfuhr. Ganz schlimm traf es die Bevölkerung im „Steckrübenwinter“ 1916/17. Eine Reichskanzlerbekanntmachung vom 1.2.1917 bestimmte: Der Tageskopfsatz an Kartoffeln beträgt ½ Pfund. Fleisch- und Wurstwaren fehlten im Angebot, so dass sich der Kartoffelverbrauch auf das 2½-fache erhöhte. Kartoffelfäule hatte dazu im Herbst 1916 die Ernte halbiert. Ein unerwarteter Kälteeinbruch verschärfte die Versorgungslage. Genauere Angaben über Leistungen des Schulgartens in den vier Kriegsjahren liegen uns nicht vor. Es ist aber anzunehmen, dass der Schulgarten mit seinen vielen freiwilligen Helfern und fleißigen Schulkindern sich bewährt hat. Der zuständige Schularzt Dr. Odenkirchen untersuchte alle Schulkinder der evangelischen Schule Aachener Straße zum Zwecke der Auswahl für die Quäkerspeisung, eine Kinderspeisung ab 1919, und bescheinigte ihnen: „Mein erster Eindruck war, daß die Kinder sehr frisch und lebhaft waren; bei genauerer Untersuchung ergab sich ein überraschend guter Zustand der Kinder. Fälle von Rückgratverkrümmung und Haltungsfehlern sind mir nicht zu Gesicht gekommen, Blutarmut und allgemeine Körperschwäche nur vereinzelt – und dies nur bei Kindern, die nicht an dem Turnen und den Gartenarbeiten teilnehmen.“

 

Trotz der Widrigkeiten, die der Krieg mit sich brachte, entwickelte der Christoph-Steinmeyer-Schulgarten sich in dieser schweren Zeit weiter. In der Nachkriegszeit ist er noch auf einigen anderen Gebieten tätig geworden und hat damit in Düsseldorf viel verändert. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

(Aus: Die Bilker Sternwarte3/2013, Zeitschrift der Bilker Heimatfreunde)

 

 

 

 

 




 

 

 

 












 

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