100 Jahre Christoph-Steinmeyer-Schulgarten

Folge 2 - Walter Helmrich greift ein

Von Jürgen Fuhrmeister

Im Jahre 1913 wurde der  Christoph-Steinmeyer-Schulgarten am Räuscherweg gegründet. Das war ein Jahr vor dem großen Krieg 1914/1918, den wir aus heutiger Sicht den I. Weltkrieg nennen. Wenn wir über die Anfänge dieses Schulgartens berichten, müssen wir die Verdienste zweier Männer würdigen, die ohne einander wohl nicht berühmt geworden wären. Es sind die Verdienste des Visionärs und leidenschaftlichen Pädagogen Christoph Steinmeyer und die des wohlhabenden Fabrikanten Walter Helmrich, Besitzer einer kleinen Maschinenfabrik, ein Idealist, der sein ganzes Vermögen dem Projekt am Räuscherweg geopfert hat. Von Steinmeyer stand damals und steht noch in neuerer Zeit vieles geschrieben in einschlägigen Schriften. Wir verdanken es Werner Daniels, dass er auch der „anderen Seite“ (frei nach Seneca: „Audiatur et altera pars“) Gehör verschafft hat, als er 1963 anlässlich des 50. Geburtstages des Christoph-Steinmeyer-Schulgartens ein damals schon 30 Jahre altes Schriftstück in der „Bilker Sternwarte“ - in Auszügen und behutsam redigiert - veröffentlicht und kommentiert hat: die Aufzeichnungen des Walter Helmrich.

 

Die Aufzeichnungen erlauben einen Einblick in die bewegende Geschichte eines ehemaligen Schlossermeisters, später Besitzer einer kleinen Maschinenfabrik am Fürstenplatz und am Ende Gastwirt des Gartenrestaurants Freilichtbühne. Nach der Zerstörung des Restaurants durch Kriegseinwirkungen arbeitete er zum Schluss als Dreher, um für sich und seine Familie den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Er schilderte aus seiner Sicht sein Engagement für das Projekt in allen Einzelheiten und verwies auf Belege über seine Zuwendungen, die beim Original liegen. Er ließ aber deutlich durchblicken, dass die Zusammenarbeit mit Steinmeyer nicht immer harmonisch verlief und letztendlich zu einem Bruch führte. Die folgenden Zitate sind den Aufzeichnungen Helmrichs entnommen, sofern sie nicht anderen Quellen zugeschrieben sind. Die damalige Rechtschreibung wurde beibehalten. Leider konnten wir bei unseren Recherchen keine Äußerungen Steinmeyers zu seinem Verhältnis zu Helmrich finden. Vielleicht sind die Historiker der Uni Düsseldorf, die zur Zeit die Geschichte des Schulgartens erforschen, erfolgreicher.

 

Durch Zufall wurde Steinmeyer 1917 auf Walter Helmrich  aufmerksam, vermutlich durch „einen ansehnlichen Geldbetrag“ als Spende für Steinmeyers Kleinkinderschule an der Aachener Straße, die Helmrich dem Seelsorger der Gemeinde Missionar Bastfeld als Dank dafür übergab, dass dieser sein im Alter von fünf Monaten verstorbenes Töchterchen einsegnete, „ehe es der Mutter Erde übergeben werde“. - „Es war damals Brauch, Kinder in diesem Alter ohne alle Zeremonien zu beerdigen.“ Von dieser Spende sollten dringend benötigte Teller und Löffel für die Kinder gekauft werden. Als Frau Helmrich davon hörte, schickte sie Bastfeld „einen noch größeren Geldbetrag“. – „Herr Bastfeld bedankte sich herzlich und verließ freudestrahlend meine Wohnung, um die freudige Nachricht möglichst schnell Herrn Steinmeyer mitzuteilen, der dadurch auf mich aufmerksam wurde.“  Diese anrührende Begebenheit lässt erahnen, auf wie schwachen Füßen in finanzieller Hinsicht das Projekt Steinmeyers zu Anfang stand, und wie Helmrich einen wesentlichen Anteil am Erfolg des Unternehmens hatte.

 

Helmrich wohnte damals in der Germaniastraße 42. Eines Tages stand Steinmeyer vor seiner Tür. Helmrich freute sich über den Besuch, und sie unterhielten sich „einige Zeit in aller Gemütlichkeit“. Der Rektor erläuterte sein Vorhaben, erwähnte seine momentane Geldverlegenheit und bat um eine Spende. Helmrich stellte ihm gegen Quittung ein Darlehen in Höhe vom 15.000 Mark zur Verfügung. Bei einer Besichtigung des Schulgartens, stellte Helmrich fest, „daß das Werkzeug und Inventar sehr dürftig war. So wurde zum Beispiel ein Pfund Zwiebeln auf einer Dezimalwaage gewogen“.  Ältere unter uns wissen noch, dass früher Kohlen und Kartoffeln mit einer Dezimalwaage ausgewogen wurden. Er stiftete eine Normalwaage. Die Rechnung liegt den Aufzeichnungen bei. Und so akribisch berichtete Helmrich über seine Ausgaben bis Ende 1920. Insgesamt 250.000 Mark hat er nach seinen Aufzeichnungen nachweislich bezahlt. Darunter die 80.000 Mark, die er 1919 beim Verkauf seiner Fabrik erlöst hatte. Daneben noch weitere Zuschüsse ohne schriftliche Belege.

 

Ein Teil des Geldes floss in den Bau der Freilichtbühne. In seiner Erinnerung war es 1917 oder 1918, als der Plan zu einer Freilichtbühne reifte, auf der das Stadttheater oder städtische Künstler auftreten sollten. Helmrich kaufte weitere Grundstücke dazu. Einige wurden auf  Steinmeyer in das Grundbuch eingetragen, während Helmrich die Hypotheken und Nebenkosten übernahm. 200 Arbeitslose bewegten angefahrenen Schutt und Müll und formten das Gelände. Helmrich besorgte für den Bau der Freilichtbühne Baupläne und ausgediente militärische Baracken und Gebäude von der Luftschiffhalle an der Golzheimer Heide und von der Fliegerabwehrabteilung in Hamm, Flehe und Reisholz. Arbeiter aus seiner Fabrik besorgten zusammen mit ihrem Chef die Bepflanzung der Bühne.

 

Schwere Missstimmung kam auf, als zu Beginn der Saison 1920 Werbeplakate entworfen wurden. Auf dem Entwurf  stand nur Rektor Steinmeyer als Gründer der „Freilichtbühne für Volkskultur“. Von Helmrich als Mitbegründer kein Wort. Nach heftiger Debatte der Kompromiss: „Freilichtbühne für Volkskultur. Im Zusammenhang mit den von Rektor Steinmeyer gegründeten und geleiteten Schulgartenanlagen, errichtet von Rektor Steinmeyer und Walter Helmrich“. Hierzu schreibt Helmrich: „So fand endlich mein Name Ehre, in dem er am Schluß des Entwurfes in eine Ecke gequetscht wurde.“ In allen Veröffentlichungen in der Presse wurde es gepriesen, „das große Werk von Rektor Steinmeyer, das aus nichts geschaffen, nur von Kinderhand  von selbst entstanden ist.“ (Zitat aus demSammelband „Düsseldorf“ von Hans Arthur Lux als Herausgeber. Düsseldorf 1921/22).  Auch in vielen Tagungsberichten und in der Fachliteratur zu Schulgartenfragen wird Helmrichs Name kaum erwähnt.

 

Im Jahre 1920 wuchsen die Schulden an. Außerdem musste die neue Spielzeit der Freilichtbühne finanziert werden. Ein Antrag an die Stadt um eine Hypothek von 100.000 Mark auf die vorhandenen Anlagen wurde verweigert.  Als Kompromiss wurde von der Stadtkämmerei vorgeschlagen: „Die Herren gründen eine GmbH, und die Stadt kann dann der GmbH das Geld zur Verfügung stellen.“ Einen Tag nach diesem Vorschlag wurde Helmrich ins Amt gebeten. Helmrich: „Zu meinem größten Erstaunen wurde mir dort ein fix und fertiger Gesellschaftervertrag vorgelegt. Es ist eigentlich kaum möglich, daß ein solcher Vertrag innerhalb von 24 Stunden aufgesetzt werden kann.“ Er fühlte sich vor vollendete Tatsachen gesetzt. Vor allem beanstandete er, dass Steinmeyer darauf bestand, allein zeichnungsberechtigt zu sein, um kurzfristig Entscheidungen treffen zu können. Im Mai 1920 wurde dann doch die „Gesellschaft für Schulgärten und Freilichtbühne mbH“ gegründet.  

 

„Von diesem Zeitpunkt an“, schrieb Werner Daniels in der Bilker Sternwarte 1963, „wuchs die Entfremdung zwischen den beiden Männern, die jahrelang gemeinsam und uneigennützig einer guten Sache gedient haben, mehr und mehr. Walter Helmrich fühlte sich zur Seite gedrückt und gelangte zu der Überzeugung, daß er seinem Partner langsam lästig falle.“ Und diese Erkenntnis erhielt ihre Bestätigung in einer Passage bei  Lux. Der Autor L. schreibt 1925: „Und es klingt wie ein Witz, wenn Rektor Steinmeyer heute, wo er voll Heiterkeit auf ein wohlgelungenes Werk zurückblicken kann, von den mehr als bescheidenen Anfängen erzählt, als noch die Müllabfuhr die einzige und beste Förderin des Werkes war.“ Wäre bei dieser Gelegenheit nicht ein Lob für seinen Mitstreiter Helmrich fällig gewesen? Im Übrigen erwähnt der gewichtige Sammelband „Düsseldorf“ von Hans Arthur Lux in seinem Beitrag „Der Schulgarten“ Walter Helmrich mit keinem Wort, auch nicht in der 2. Auflage 1925.

 

Die Missverständnisse zwischen Steinmeyer und Helmrich häuften sich. Davon geben die Aufzeichnungen Kenntnis. Irgendwann war das Verhältnis zu Steinmeyer endgültig zerstört. Walter Helmrich (geb. am 1.11.1881) zog sich zurück und übernahm die Bewirtschaftung des Erfrischungsraums der Freilichtbühne, baute diese nach und nach zu einem beliebten Restaurant aus. Er erhielt von der Stadt einen Pachtvertrag auf 15 Jahre und führte den Betrieb bis zu dessen   Zerstörung im 2. Weltkrieg. Nachdem er in Düsseldorf alles verloren hatte, übersiedelte er nach Prüm in der Eifel und verstarb dort am 29.10.1953.

 

 

In Anwesenheit von Angehörigen des Rektors und Stadtteilpolitikern ehrte die Bezirksvertretung 3 am 5. Juni 1987 Christoph Steinmeyer und Walter Helmrich mit der Enthüllung einer Gedenktafel am Räuscherweg neben dem Eingang zum Kinderspielplatz. Die Inschrift verkündet in schlichten Worten:

   

 

   

Es ist zu hoffen, dass die Festredner der diesjährigen Jubiläumsfeier die richtigen Worte finden.          

 

(Aus: Bilker Sternwarte 2/2013, Zeitschrift der Bilker Heimatfreunde)

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 












 

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